Thursday, November 03, 2005

Durkheim

Durkheim:

Welche Spezifika seines Werkes machen Durkheim zu einem wichtigen Einflussgeber der anthropologischen (bzw. sozialwissenschaftlichen) Theorienbildung des 20. Jahrhunderts? Worin bestehen die Neuerungen im Denken Durkheims, die spätere Forschungsrichtungen inspirierten?

Emil Durkheim (1858-1917) gilt als Begründer der Soziologie als eigenständige Wissenschaftsdisziplin. Er studierte Philosophie an der Ecole Normal Superieure in Paris bis 1882 und arbeitete zunächst als Professor für Philosophie an Gymnasien. Danach wurde er Lehrbeauftragter der Sozialwissenschaft und Pädagogik an der Universität Bordeaux, bevor er an die Sorbonne wechselte wo er bis zu seinem Tod tätig war. Neben zahlreichen Werken, gründete er die bis heute einflussreiche Zeitschrift L´Annee sociologique. Die Philosophie und besonders Kant, über den Französischen Philosophen Charles Renouvier, den er als seinenen „ great master“ [1] bezeichnete, haben großen Einfluss auf das Denken Durkheims ausgeübt. Wie auch die damalige Situation in Frankreich, welche von Krieg, inneren Konflikten, der fortschreitenden Industrialisierung und ihren sozialen Folgen geprägt war. Erst mit der Gründung der 3. Republik 1871 stabilisierte sich die Lage. Als Resultat dessen, aber auch durch seine Beziehungen zu Jean Jaures, dem Führer der parlamentarischen Linken und wohl durch seine Zeit als Lehrer, wollte Durkheim die Soziologie nicht nur als eigenständige Disziplin etablieren, sondern er sah sie auch als Programm zum Schutz der 3. Republik an, indem er sie als Mittel zur Schaffung einer sekundären Moral einsetzen wollte. Hier kann man die praktische Umsetzung einer seiner Hauptaussagen erkennen, nämlich, dass das Individuum in seinem Denken und Handeln von der Gesellschaft bestimmt wird. Die eingeführte Verstaatlichung des Bildungswesen und die Schulpflicht hatten also die Aufgabe Kinder zu guten Staatsbürgern zu erziehen mit der dahinter stehenden Logik, dass nur wer Gesetze lesen und verstehen kann, kann sie auch befolgen.

Für die Anthropologie sind zwei Hauptwerke Dürkheims von besonderem Einfluss, Les formes elementaires de la vie religieuse (1912) und Le suicide (1897). In letzterem untersucht er die verschiedenen Auswirkungen der katholischen und evangelischen Religion auf das Selbstmordverhalten der Menschen. Die zentrale Aussage ist, dass die individuelle Psychologie eine soziale Dimension hat, wobei er drei Formen von Selbstmord unterscheidet:
„den altruistischen als Ausdruck eines Übermaßes an Sozialbewustsein.
den egoistischen als Ausdruck von zu wenig Sozialbewustsein.
den anomischen, als Folge von zu wenig Unterstützung des Individuums durch die Gesellschaft.“[1]

In „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ beschreibt Durkheim die Gesellschaft an sich als Verkörperung von Idealen, das Sakrale ist gleichbedeutend mit sozialer Ideologie. Da Gott für die Gesellschaft steht, ist die Verehrung Gottes gleich der Verehrung der Gesellschaft und somit der eigenen Person, als Elemente eben dieser. Hier stellt er sich gegen den Evolutionismus in der britischen Anthropologie, nach der Religion nicht durch ihre soziale Funktion zu erklären sei, sondern als Mittel für den Einzelnen um das Unerklärliche zu erklären, da der primitive Mensch hilflos der Natur und dem Tod ausgeliefert ist, weshalb für zwei ihrer Vertreter Tylor und Frazer der Glaube im Mittelpunkt steht und nicht das Ritual. Nach Durkheim müsste dann aber jede Generation die gleichen Erfahrungen machen. Für ihn ist Religion ein sozialer Akt und nicht Psychologie. Der Mensch ist nicht Akteur, der Einfluss auf die Religion nimmt, sondern er selbst wird von ihr konditioniert, da diese aus der Gesellschaft kommt welche den Einzelnen bestimmt. Auch ist er gegen die marxistische Auffassung von Religion als bloßen Unterdrückungsmechanismus der Ausbeuter über die Menschen, da diese auch Teil der Gesellschaft sind und durch sie beeinflusst werden, auch wenn sie die Religion zu ihren Gunsten ausnutzen. Was die Religion zu ihrer sozialen Funktion befähigt fasst Durkheim in vier Charakteristika zusammen.
sie ist erzwungen durch Regeln und Sanktionen.
sie ist generell, vereinigt die Individuen und hat gleiche Wirkung auf sie.
sie ist traditionell, dass heißt existierte vor dem Einzelnen und wird auch nach ihm bestehen.
sie steht Außerhalb von ihm und kann so auf ihn einwirken.
Hier wird deutlich, dass Durkheim das Individuum als Gefangenen der Gesellschaft sieht, wofür er zwar kritisiert wurde, was er aber als Fakt beweißt.

In seiner Forschung zu Religion spielt auch das Ritual eine entscheidene Rolle, da, dass in ihm enthaltene religiöse Glauben und Handeln, über die Werte und Normen einer Gesellschaft informiert und sie so weiter getragen werden. Durkheim spricht von „collective representations“[1]. Das Ritual hat also die Funktion über das Massengefühl zu einer Identifikation mit der Gesellschaft zu führen und so soziale Werte zu transportieren. Im Mittelpunkt steht aber auch hier die Macht der Gesellschaft über den Einzelnen, auch wenn die Symbole im Ritual sie verdecken. Anders als für seine Kritiker steht für Durkheim der Glaube nicht über dem Ritual, da dieses nicht Reaktion auf Emotionen ist, sondern diese generiert. Nur stellt sich nun die Frage, wo dies alles seinen Anfange genommen hat, für Durkheim liegen die Anfänge des Rituals einem spontanen Ausbruch zugrunde, da schon vor ihm die Werte und Normen die es verkörpert in der Gesellschaft präsent waren.

Ein weiterer Hauptaspekt in seinen Forschungen zur Funktion von Religion stellt seine Untersuchung zum Totemismus anhand der Australischen Aborigines dar. Den Totem Kult hält er für die früheste Form von Religion, welchen er in seinem Text Pimitiv Classification (1903) zusammen mit Marcel Mauss analysiert. Für ihn setzt der Totemismus die natürliche Welt auf die Soziale, die Anbetung des Totems ist gleich Anbetung des Klans. Dies ist nicht direkt möglich, da dies offensichtlich wäre und so Angriffsfläche bieten würde, deshalb verschleiert das Totem als Symbol, dass der Klan als Subjekt identisch mit dem Objekt der Anbetung ist. Gefahr entsteht nur wenn die ideologischen Kategorien erkannt werden, dies führt dann zu Ablehnung und Kritik am System, was durch das einsetzen von Symbolen verhindert wird. Was passiert aber, wenn ein einzelner oder eine Gruppe innerhalb der Gesellschaft diese Mechanismen durchschaut, um den Erhalt der Ordnung zu gewährleisten müssten diese Teile dann entfernt oder bestraft werden, durch Ausschluss von der Gruppe oder Tod. Die Frage ist nur ob die Gesellschaft ihre Werte nicht gerade dadurch in Frage stellt und ob dies dann nicht auch eine Gefahr für den fortbestand des Systems darstellt.

Nach Durkheim hat der Mensch eine Neigung zur Dichotomie, was er am Beispiel von sakral und profan zeigt, da sakral und profan Gegensätze sind, wobei das Sakrale die sozialen Werte einer Gesellschaft darstellt und das Profane für die Interessen und Handlungen des Einzelnen steht. Das heißt, dass der Einzelne durchaus handlungsfähig ist, aber nur in einem antisozialen Kontext, also durch Verstoß gegen die Werte und Normen der Gruppe oder durch nicht wahrnehmen seiner sozialen Pflichten. Auch dieser muss aber zum Überleben früher oder später Zugeständnisse an die Gesellschaft machen und sich dieser unterordnen. Durkheim sagt zwar, dass es in modernen Gesellschaften Schichten und Herrschaftssysteme gibt und auch Alternativen welche aber unterdrückt werden. Aber was ist wenn sich gesellschaftliche Normen und Werte verändern, dann betrifft dies nicht sofort die Gesellschaft als ganzes sondern einzelne zuerst isolierte Gruppen, über die sich dann das neue verbreitet. Die Folgerung wäre also, dass diese Gruppen so lange unsozial wären bis sich die Macht und Mehrheitsverhältnisse zu ihren Gunsten verändert haben. Auch wenn grundsätzlich die Gesellschaft das Individuum bestimmt und diese mehr als die Summe ihrer Teile ist, nämlich Werte und Moral Standards, ist es ein menschliches Bedürfnis oder zumindest von Einzelnen, sich grundsätzlich gegen das Bestehende zu wenden und daraus seine Freiheit und Menschlichkeit zu definieren. Hierzu sagt Durkheim das der Mensch sein Verständnis der Welt über die Gesellschaft erlangt und das sie uns moralisch erweitert und uns Verantwortung für andere und die Gesellschaft selbst übernehmen lässt. Dies führt dazu, dass Zwang als moralisch erachtet und normal wird, durch das Ritual lässt sich dies verstärken, aber er ist allein durch Kommunikation zwischen den Menschen schon präsent. Also lässt sich schlussfolgern das eine gemeinsame Sprache für den Zusammenhalt einer Gesellschaft existentiell ist. Dies wurde auch in Frankreich erkannt was die Unterdrückung der Regionalsprachen als Folge hatte.

Für Durkheim war wichtig an Hand der Analyse der Religion herauszustellen, dass diese ein sozialer Fakt ist, der nur durch andere soziale Fakten erklärt werden kann, was ein funktionalistischer Ansatz ist, dies fasste er unter anderem in „Rules of sociological method (1895)“[1] zusammen. Dies könne weder die Philosophie und die Psychologie, noch die damalige Anthropologie, sondern nur seine neue Form der Soziologie. Doch es gab auch viel Kritik, so kritisierte Evans-Pritchard, dass Durkheims Untersuchungen nur für geschlossene, klassenlose Gesellschaften gelten, worauf dieser antwortete, dass in modernen Gesellschaften Werte wie Gleichheit, Individualität und Demokratie die Rolle der Religion übernehmen.

Eine seiner bedeutenden Einteillungen ist die von der mechanischen und organischen Solidarität. Die Mechanische bezieht sich auf primitive Kulturen, wo verschiedene Klans zwar von einander abhängig sind z.B. was den Austausch von Frauen betrifft, aber grundsätzlich eigenständig, dass verschwinden des einen hat nicht zwangsläufig Konsequenzen für den anderen. Während es in Industriegesellschaften eine organische Solidarität gibt, welche auf Arbeitsteilung basiert, die Menschen spezialisieren sich auf einen Bereich und sind so wichtig für die Gesellschaft die nur als Ganzes funktioniert.

Durkheim ist Rationalist, also er geht davon aus, dass Ideen logisch miteinander verbunden sind und beweist dies empiristisch. Im wird unter anderem vorgeworfen nie Feldforschung betrieben zu haben, aber dies war zu seiner Zeit auch noch nicht üblich. Durkheim hatte großen Einfluss auf Radcliff Brown der die Anthropologie im Englischsprachigen Raum mitprägte, sowie direkt auf Marcel Mauss und bereitete den Boden für den Strukturalismus von Levi-Strauss. Wie auch viele andere Persönlichkeiten der Wissenschaft bis heute und auch die Konzepte von Staaten. Neben all diesen Einflüssen ist für die Anthropologie noch bedeutsam und vielleicht sein Hauptverdienst für diese, dass er durch seine Soziologie den Raum innerhalb der Wissenschaft erweiterte und sich so auch die Anthropologie weiter ausdehnen konnte.



[1] Barth, Gingrich, Parkin, Silvermann: One Discipline four Ways.
[2] Wikipedia